Berufsleben – ein Rückblick

Erfolge, Fehler, Begegnungen, Herausforderungen und unzählige Erfahrungen. Kollegen – Sympathie und Vertrauen. Enttäuschungen und Erkenntnisse.

Rückschau auf das Arbeitsleben

An meinen ersten Arbeitstag kann ich mich noch erstaunlich gut erinnern. Die Ausbildung begann und ich war wahnsinnig aufgeregt. Endlich war die Schulzeit vorbei. Ein neuer Lebensabschnitt startete. Plötzlich gehörte man zu den Erwachsenen, bekam sein erstes eigenes Geld und hatte das Gefühl, dass jetzt das richtige Leben beginnt.

230 D-Mark Ausbildungsvergütung waren es damals. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Reich wurde man davon sicher nicht, aber es war das erste Geld, das man selbst verdient hatte. Und darauf war ich offen gesagt ziemlich stolz.

Nach der Ausbildung ging es erst einmal zur Bundeswehr. Damals war das noch Pflicht. Anschließend begann das eigentliche Berufsleben. Mit Anfang zwanzig lag die Zukunft vor mir. Rund 45 Berufsjahre – eine Zeitspanne, über die man in diesem Alter überhaupt nicht nachdenkt. Man möchte einfach loslegen, Erfahrungen sammeln und herausfinden, welcher Beruf wirklich zu einem passt.

Am Anfang wollen wir allen beweisen, was wir können

Wer neu in den Beruf einsteigt, möchte zeigen, was in ihm steckt. Das ging mir genauso. Man möchte gute Arbeit leisten, positiv auffallen und möglichst schnell Verantwortung übernehmen.

Eines Tages merkt man allerdings, dass das Berufsleben nicht nur aus Fachwissen besteht. In vielen Unternehmen beginnt zwangsläufig auch der Konkurrenzkampf. Wird eine interessante Stelle frei oder winkt eine Gehaltserhöhung, bringen sich manche Kollegen schon vorsichtig in Stellung. Der berühmte Flurfunk läuft plötzlich auf Hochtouren.

Damals habe ich vieles davon viel zu ernst genommen. Heute würde ich deutlich gelassener reagieren.

Denn eines habe ich im Laufe von 47 Berufsjahren gelernt: Nicht derjenige gewinnt, der am lautesten auf sich aufmerksam macht. Viel wichtiger ist es, sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

Erfahrung kann niemand ersetzen

Mit jeder neuen Aufgabe wächst auch das eigene Wissen. Anfangs kostet vieles noch Überwindung. Später erledigt man dieselben Aufgaben fast automatisch.

So entsteht Erfahrung.

Und genau diese Erfahrung kann dir später niemand mehr nehmen. Fachwissen entwickelt sich nicht über Nacht. Es wächst mit jedem Problem, das man löst, mit jeder Herausforderung und manchmal auch mit jedem Fehler.

Natürlich darf man auf gute Leistungen aufmerksam machen. Gute Arbeit allein reicht leider nicht immer aus. Wenn niemand weiß, was du leistest, werden andere schneller wahrgenommen. Darüber zu sprechen, ist deshalb völlig in Ordnung – solange man dabei nicht überheblich wird.

Am Ende entwickelt sich daraus etwas Wertvolles: echte Kompetenz. Viele Menschen werden im Laufe der Jahre zu Experten auf ihrem Gebiet, ohne dass ihnen das anfangs überhaupt bewusst war.

Ohne Freude wird der Job eines Tages zur Belastung

Ein gutes Gehalt ist wichtig. Daran gibt es nichts zu diskutieren. Schließlich müssen Rechnungen bezahlt werden und jeder möchte sich auch mal etwas leisten können.

Heute sehe ich das trotzdem etwas anders als früher.

Ich habe erlebt, dass ein paar hundert Euro mehr im Monat längst nicht alles sind. Viel wichtiger ist, ob man morgens halbwegs gerne zur Arbeit geht. Wer ständig mit Bauchschmerzen ins Büro fährt oder jeden Sonntagabend schlechte Laune bekommt, wird auch mit einem höheren Gehalt auf Dauer nicht glücklich.

Spaß an der Arbeit entsteht oft nicht sofort. Er entwickelt sich mit den Aufgaben, den Erfolgen und den Erfahrungen. Wer merkt, dass er Herausforderungen meistern kann, gewinnt Selbstvertrauen. Daraus entsteht Motivation – und plötzlich macht der Beruf deutlich mehr Freude.

Miteinander reden ist durch keine E-Mail zu ersetzen

Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Früher wurde deutlich mehr miteinander gesprochen. Heute landet vieles einfach als E-Mail im Postfach.

Natürlich sind E-Mails sinnvoll. Ohne sie wäre der Arbeitsalltag kaum noch vorstellbar. Trotzdem habe ich oft den Eindruck, dass dabei etwas verloren geht.

Ein persönliches Gespräch verhindert viele Missverständnisse. Man hört den Tonfall, sieht die Reaktion des anderen und kann sofort nachfragen. Eine E-Mail kann dagegen schnell missverstanden werden.

Gerade bei Problemen oder Meinungsverschiedenheiten hilft ein direktes Gespräch meistens deutlich mehr als zehn weitere Nachrichten.

Kollegen sind Kollegen – aber eine Familie?

Ein Satz begegnet einem heute immer wieder: „Wir sind hier wie eine Familie.“

Nach 47 Jahren Berufsleben sehe ich das inzwischen etwas kritischer.

Natürlich können aus Kollegen echte Freundschaften entstehen. Das habe ich selbst erlebt. Gemeinsam feiern, nach Feierabend noch etwas trinken oder sich privat treffen – warum nicht?

Aber so etwas sollte freiwillig entstehen.

Nicht jeder möchte Beruf und Privatleben miteinander vermischen. Manche gehen nach Feierabend nach Hause und genießen bewusst die Zeit mit Familie oder Freunden. Das ist völlig in Ordnung.

Problematisch wird es erst dann, wenn aus dem angeblichen Familiengedanken Gruppenzwang entsteht. Wer nicht bei jeder gemeinsamen Aktivität dabei ist, wird schnell als Außenseiter angesehen. Das habe ich leider ebenfalls erlebt.

Deshalb finde ich: Ein respektvoller Umgang miteinander ist wichtiger als künstlich erzeugte Harmonie.

Krankheit und trotzdem zur Arbeit

Einen Fehler würde ich heute garantiert nicht noch einmal machen.

Früher war ich überzeugt: Wenn man krank ist, geht man trotzdem zur Arbeit. Ich wollte zeigen, dass ich zuverlässig bin und für meinen Arbeitgeber alles gebe.

Dann kam eine heftige Grippe.

Ich schleppte mich trotzdem zur Arbeit, war völlig neben der Spur und machte einen Fehler. Das Ergebnis war ernüchternd. Niemand interessierte sich dafür, dass ich krank erschienen war. Statt Anerkennung gab es Ärger.

An diesem Tag habe ich etwas gelernt.

Die eigene Gesundheit sollte niemals geopfert werden, um besonders engagiert zu wirken. Kein Unternehmen dankt es dir dauerhaft. Wer krank ist, gehört nach Hause und nicht an den Arbeitsplatz.

Wenn ich heute auf meine gesamte Berufslaufbahn zurückblicke, gibt es einige Erkenntnisse, die ich meinem jüngeren Ich gerne mit auf den Weg geben würde.

Gute Arbeit ist wichtig – aber sprich auch darüber. Sonst tun es andere.

Ständige Erreichbarkeit wird schnell zur Selbstverständlichkeit. Deshalb sind klare Grenzen wichtig.

Niemand sollte seine Gesundheit für den Beruf aufs Spiel setzen. Jeder Mensch ist ersetzbar. Die eigene Gesundheit nicht.

Um die eigene berufliche Entwicklung kümmert sich niemand so intensiv wie man selbst. Deshalb lohnt es sich, neugierig zu bleiben und immer wieder Neues zu lernen.

Und noch etwas: Das Privatleben sollte möglichst privat bleiben. Eine gewisse professionelle Distanz hat mir im Laufe der Jahre oft geholfen.

Gelassenheit wird mit den Jahren immer wertvoller

Wer viele Jahre gearbeitet hat, kennt stressige Phasen, Zeitdruck, neue Projekte, schwierige Kollegen und manchmal auch echte Krisen.

Früher habe ich mich davon deutlich schneller anstecken lassen.

Heute weiß ich, dass Gelassenheit oft die bessere Antwort ist. Nicht jede Hektik ist wirklich notwendig. Nicht jede Frist bedeutet automatisch Weltuntergang.

Außerdem habe ich gelernt, dass Menschen ganz unterschiedlich sind. Jeder bringt seinen eigenen Charakter, seine Erfahrungen und seine Stärken mit. Je länger man zusammenarbeitet, desto besser versteht man diese Unterschiede – und desto leichter fällt das Miteinander.

Sympathie und Vertrauen

Im Arbeitsleben gibt es viele Zusammentreffen mit anderen Menschen. Mit einigen Kolleginnen und Kollegen arbeitet man nur kurz zusammen, andere begleiten uns über viele Jahre. Dabei entwickelt sich oft Sympathie und mit der Zeit auch Vertrauen. Beides wächst nicht an einem einzigen Arbeitstag, sondern entwickelt sich durch gemeinsame Erfahrungen. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt sind dabei viel wichtiger als große Worte. Diejenigen, die zuhören, ihre Versprechen einhalten und auch in herausfordernden Situationen fair bleiben, gewinnen Vertrauen. Solche Leute sorgen dafür, dass der Arbeitsalltag oft angenehmer wird und dass die Zusammenarbeit nicht nur erfolgreich ist, sondern auch Freude bringt.

Enttäuschungen und Erkenntnisse

Leider gehören auch Enttäuschungen zum Berufsleben. Nicht jede Freundlichkeit ist ehrlich gemeint und nicht jedes Lob kommt von Herzen. Einige Menschen verfolgen in erster Linie ihre eigenen Ziele und nutzen dafür auch andere gezielt aus. Solche Erfahrungen tun im ersten Moment weh, können aber den Blick auf das Wesentliche schärfen. Rückblickend waren gerade diese Situationen oft die lehrreichsten. Sie haben gezeigt, genauer hinzuschauen, Vertrauen nicht zu verschenken und den Charakter eines Menschen nicht allein nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass echte Kollegialität und aufrichtige Menschen deutlich wertvoller sind als jedes noch so große Versprechen.

Blick in den Rückspiegel

Im Laufe von über 40 Jahren hat sich sehr viel verändert. Menschen, die Arbeitsplätze und auch die Arbeitsbedingungen. Wenn ich die Technik mal außen vor lasse, dann ist der Zeitdruck hier als Veränderung hervorzuheben.

Es ereignet sich viel im Berufsleben, aber auch parallel im Privatleben. Wichtig ist es, dass ich meine Erfahrungen, eine gute Balance zwischen Job und Freizeit zu ermöglichen. Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Ich habe selbst erlebt, was es bedeuten kann, wenn die Gesundheit uns einschränkt. Als meine Angststörung und die Panikattacken immer heftiger wurden, und ich drei Wochen „außer Gefecht“ war, ging der Betrieb weiter als zuvor. Das ist auch gut so. Aber, es fragt halt auch niemand „Wie geht’s?“ – das gehört auch zum Berufsleben dazu. Danach einfach weitermachen wie vorher ebenso.

Und noch etwas anderes, ja, es ist wohl nur dieses Gefühl, das oft im Nachhinein entsteht: 47 Jahre im Berufsleben gingen verdammt schnell vorbei.

Eines Tages endet jedes Berufsleben. Der Ruhestand rückt näher, der Wecker muss morgens nicht mehr klingeln, und plötzlich beginnt wieder ein neuer Lebensabschnitt.

Dann schaut man zurück.

Auf Erfolge, Fehler, Begegnungen, Herausforderungen und unzählige Erfahrungen. Manche Situationen würde ich heute anders lösen. Über andere muss ich inzwischen schmunzeln.

Vor allem aber wird mir eines bewusst: Das Berufsleben hat mich geprägt. Es hat mir nicht nur einen Beruf gegeben, sondern auch Geduld, Gelassenheit und viele Lektionen fürs Leben.

Wenn ich heute noch einmal ganz am Anfang stehen würde, wäre ich wahrscheinlich deutlich entspannter. Denn eines weiß ich inzwischen ganz sicher: Man muss nicht alles sofort können. Man wächst mit seinen Aufgaben. Und genau das macht den Weg durch ein langes Berufsleben eigentlich erst spannend.